Hans Grüninger in seiner Zeit

Die Welt schien sich zu Lebzeiten von Hans Grüninger schneller zu drehen. Auf unterschiedlichsten Gebieten zerbrachen „Gewissheiten“ und machten Platz für eine neue Sicht der Welt und des Menschen.
Die Entdeckung Amerikas durch Columbus sprengte die mittelalterliche Vorstellung, die nur Europa, Asien und Afrika mit Jerusalem als Zentrum kannte.

Diese Fahrt mit all ihren Folgen diesseits und jenseits des Atlantiks wäre nicht möglich gewesen, hätten nicht Vordenker zur gleichen Zeit das physikalische Weltbild in Frage gestellt. Anstelle einer flachen Scheibe, an deren Rändern man „herunterfallen“ konnte, trat die Kugelform der Erde.
So wie die Entdeckungsfahrten das geographische und physikalische Weltbild radikal änderten, revolutionierten Universalgenies wie Leonardo da Vinci Technik und Kunst. Gestützt auf eine intensive Beobachtung der Natur in all ihren Facetten entwarf er unzählige Maschinen. Manche seiner Innovationen - wie ein Fluggerät für Menschen– waren ihrer Zeit soweit voraus, dass sie erst Jahrhunderte später realisiert werden konnten.
Leonardos Schaffen eröffnete nicht nur der Technik, sondern auch der Kunst neue Wege. Eine möglichst naturgetreue Darstellung des Menschen galt in dieser Zeit als künstlerisches Ideal. Gleichzeitig erweiterte sich auch das Themenspektrum der Kunst: Neben christlichen Inhalten trat nun die klassische Antike als Motivquelle.
Von der klassischen Antike ließ sich auch der florentinische Beamte und Schriftsteller Nicolo Macchiavelli inspirieren. In seinem Hauptwerk „Il Principe“ forderte dieser Zeitgenosse Leonardos eine Politik frei von moralischen Einschränkungen, die allein auf Machtausbau zielte. Krieg, Mord, Bestechung und Vertragsbruch galten hierzu als legitimes Mittel.
All diese Umwälzungen ließen auch den Glauben der Menschen nicht unangetastet. So forderte der Reformator Martin Luther nichts weniger als die Neudefinition von Autorität. Hatte bislang der Papst bestimmt, was der wahre Glaube ist, stellte Luther das Gewissen des Individuums und die Bibel ins Zentrum aller religiösen Fragen.
Wahrscheinlich wären Luthers Gedanken weithin unbekannt geblieben, wenn nicht eine mediale Revolution ihre Verbreitung ermöglicht hätte. Das von Johannes Gutenberg entwickelte Druckverfahren mit beweglichen Lettern steigerte die Produktion von Büchern und Flugblättern, was gleichzeitig zur Zunahme eines lesekundigen und gebildeten Publikums führte.
All diese Veränderungen fanden zu Hans Grüningers Lebzeiten statt und stellten ihn – wie viele seiner Zeitgenossen – vor die Aufgabe, ihr Leben angesichts einer Vielzahl von Chancen und Risiken zu gestalten. Hans Grüninger ging seine eigenen Wege. Um sich zum Drucker ausbilden zu lassen, verließ er Markgröningen, wo er um 1455 geboren wurde; er verbrachte seine Lehrjahre wahrscheinlich in Italien und sicher urkundlich nachweisbar in der Schweiz. Als Druckermeister ließ er sich in Straßburg nieder, wo er 1482 das Bürgerreicht erwarb und bis zu seinem Tod 1532/33 lebte und arbeitete. Unterstützt wurde der mit Apollonie verheiratete Grüninger durch seine Söhne und seinen Bruder Markus, der sich auf die Kunst des Holzschnitts spezialisierte.
Das Drucken von Büchern war zu dieser Zeit ganz neu und verband handwerkliche künstlerische, intellektuelle und ökonomische Aspekte. War Grüninger zu Anfang seines Berufslebens noch hauptsächlich im Dienst der Kirche tätig (z.B. Messbücher), weitete sich das Themenspektrum seiner Drucke im späten 15. Und frühen 16. Jahrhundert: Der Wandel der Zeiten führte dazu, dass Grüninger nun auch naturwissenschaftliche Werke, Karten und Beschreibungen der Entdeckungsfahrten (Amerigo Vespucci) drucken ließ. Die Rückbesinnung auf die klassische Antike, wie sie damals viele Gelehrte forderten, mündete u.a. in Ausgaben von Terenz Komödien und den Epen Vergils. Grüninger blieb aber nicht dabei stehen. Nur lateinische Werke genügten ihm nicht und so stand bald volkssprachliche Belletristik wie Till Eulenspiegel auf seiner Angebotsliste.
Die aufkommende Reformation fand in Hans Grüninger keinen Unterstützer. Im Gegenteil – aus seiner Werkstatt stammte Thomas Murners polemische Schrift „Von den großen Lutherischen Narren“, die der Straßburger Rat beschlagnahmen ließ. Man kann vermuten, dass Grüninger durch seine Haltung so manchen seiner Kunden verloren haben mag. Schließlich sympathisierten viele Gebildete mit den Gedanken Luthers und seiner Mitstreiter. Dies würde auch erklären, weshalb der Markgröninger Drucker in Straßburg am Ende seines Lebens in finanziellen Nöten steckte.