Theaterstück „Petit Pays“ am 16.01.26 im La Lune in Stuttgart

Foto: Bettina Meister, Quelle: https://theaterlalunestuttgart.de/event/petit-pays-kleines-land/
Der Roman „Petit Pays“ (deutsch: „Kleines Land“) vom französischen Schriftsteller und Musiker mit ruandischen und burundischen Wurzeln, Gaël Faye (*1982 in Burundi), ist aktuell Schwerpunktthema in der Kursstufe Französisch und damit möglicher Gegenstand des Abiturs 2026.
Der fast 200-seitige Roman ist nicht nur aufgrund seiner Länge und seiner bildreichen Sprache, sondern vor allem aufgrund seiner historischen Thematik, dem Genozid an der ethnischen Minderheit der „Tutsi“ in Ruanda in den 90er Jahren, nicht leicht zu lesen und zu ertragen.
Im Unterricht wurde der Roman bereits behandelt, erzählt aus der Perspektive von Gabriel, der mit seiner Schwester, seinem französischen Vater und seiner aus Ruanda stammenden Mutter in Burundi aufwächst und der durch die politischen und familiären Ereignisse schleichend seiner Kindheit beraubt wird. Im Zentrum steht vor allem die Freundesclique von Gabriel, bestehend aus überwiegend „métis“, also Kindern, deren Eltern europäischer und afrikanischer Herkunft sind, was sich nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch in einer Kindheit mit Privilegien widerspiegelt. Der schwelende ethnische Konflikt macht aber weder vor Gabriels Familie noch vor seinen Freunden halt und stellt damit den 11-Jährigen letztendlich vor eine schwere Entscheidung …
Als Ergänzung zur Lektüre wurde im Unterricht die gleichnamige Verfilmung von Éric Barbier aus dem Jahr 2020 gezeigt und der gemeinsame Theaterbesuch sollte somit die Unterrichtsreihe abrunden. Das „La Lune“ ist ein charmantes kleines Theater mit Wohnzimmercharakter in Stuttgart-Gablenberg, das durch sein frankophiles Angebot in der Region einzigartig ist. Die bewusst für das Stück „Petit Pays“ spärlich eingerichtete Bühne ragte in den Zuschauerraum, wo der Basis- und Leistungskurs des Abiturjahrgangs 2026 gemeinsam mit Frau Bommer und Frau Hiel am Abend des 16. Januars Platz nahmen. Man fragte sich zunächst sicherlich, wie groß das Ensemble ist und wie sich der Bühnenumbau ohne Vorhang für die unterschiedlichen Szenen gestalten sollte. Neugierig waren alle auch, welche Kapitelwahl (insgesamt 31 Kapitel plus Pro- und Epilog) die Verantwortlichen der Regie und Dramaturgie, Robert Atzlinger und Boglárka Pap, getroffen haben, um den Inhalt in einen für eine Theatervorführung geeigneten Zeitrahmen zu bringen.
Die Zuschauer*innen wurden von einem Schauspielertrio um Anna Kaess, Houédo Dieu-Donné Parfait Dossa und Julianna Herzberg überrascht, die ihre Wandelbarkeit durch expressive, z.T. auch übertriebene Gestik, Mimik und gekonnte Stimmmodulation unter Beweis stellten und in verschiedene (12 !!!) Rollen schlüpften. Eine Schauspielerin rahmte das Geschehen durch ihre Rolle als überforderte Schülerin, die „Petit Pays“ als Pflichtlektüre fürs Abitur lesen muss. Eine Rolle, mit der sich auch unsere Schülerinnen und Schüler identifizieren konnten. Der Wechsel zwischen französischer und deutscher Sprache kam dem Publikum entgegen und passte auch ins Konzept, wenn die Schülerin in Französisch ein „Aha-Erlebnis“ hatte, weil sie eine Passage endlich verstanden hat. Lob, aber auch Tadel, wenn sie sich mit der französischen Aussprache beim Lesen vertan hatte (Französisch ist aber auch schwierig!), gab es von den anderen beiden. Die „Schülerin“ sprach auch laut aus, was sich der ein oder andere Schüler beim Lesen vielleicht auch insgeheim gefragt hatte, z.B. wie man auf die Idee kommt, ein x-beliebiges Krokodil zu erlegen und an Gabriels Geburtstag zu essen und warum es im Roman eine Passage über paarungsfreudige Nilpferde gibt. Diese Szenen erlaubten es dem Publikum, bei einem eigentlich sehr ernsthaften und traurigen Thema, auch mal zu schmunzeln. Amüsant war auch der erstaunte Kommentar der „Schülerin“, „ich bin doch nur die Vorleserin“, als sie kurzerhand mit ins Geschehen gezogen wurde und sich widerwillig in einer „lebensgefährlichen“ Situation befand, indem sie dachte, zu ertrinken.
Nicht nur das nicht romangetreue Ende von „Petit Pays“ lieferte eine Grundlage für das anschließende Gespräch mit den Schauspielern. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, aber auch jene zum persönlichen Feedback, das sich sonst nur über die Lautstärke im Applaus ausdrückt, war eine willkommene Abwechslung zu anderen Theaterbesuchen.
Es war insgesamt ein Theaterabend der etwas anderen Art, der uns aber überwiegend positiv überrascht hat.